Der Hund von Welt schwört auf Anis

Aktualisiert: Mai 18




"Was suchen die denn?" ist die erste Frage wenn ich erkläre das die Hunde beim Nosetracking nach Geruchsstoffen suchen.


Nach meiner wahrheitsgemäßen Antwort: "Anis" wechselt das zuvor interessiert dreinblickende Gesicht in einen zutiefst gelangweilten Ausdruck. Das geht von 0 auf 100 oder in diesem Fall von 100 auf 0 in einem Bruchteil einer Sekunde. Anis... wie uncool ist das denn?


In Deutschland scheint es sehr unpopulär zu sein etwas einfach nur zum Spaß zu machen. Im Hundesport steht schnell der Wettkampfgedanke im Vordergrund. Höher, schneller, weiter..... möglichst eine Medaille oder noch besser den Pokal nach Hause bringen. Und die Nasenarbeit, die sollte doch wenigstens einen positiven Nutzen haben. Das aufgefundene vermisste Kind, der verschollene Kater, der aufgehobenen Drogenring oder die aufgespürten illegal eingeführten unter Artenschutz stehenden Tiere.


Mantrailing, die momentan populärste Nasenarbeit in Deutschland, passt da perfekt ins Konzept. "Wir machen Mantrailing, wir suchen nach vermissten Personen " - auch wenn in Wirklichkeit jede Woche der Peter, der Bruder von Frau Lise Meier gesucht wird, der sich freundlicher Weise zur Verfügung stellt, aber das hinterfragt niemand und ist ja auch egal, denn im Notfall könnte er es aber.


Wie ordinär und langweilig klingt da "Anis". Für den Hund indes spielt es keine Rolle wonach er sucht. Für ihn ist nicht der Ruhm entscheidend. Er muss nicht am nächsten Tag als Held in der Zeitung gefeiert werden. Er wünscht sich eine schöne Zeit mit seinem Hundeführer. Ob der Geruch eine besondere Wertigkeit in den Köpfen seiner Dosenöffner hat ist ihm egal. Für ihn ist jeder Duft toll, vorausgesetzt es gibt am Ende eine fürstliche Belohnung.


Auch für uns Menschen sollte es nicht wichtig sein was gesucht wird sondern eher wie gesucht wird. Anis, Lavendel, Zeder und Basilikum sind die legalen und ungefährlichen Varianten der Geruchstoffe denen Drogen-, Sprengstoff- oder Artenschutzhunde gegenüber stehen. Die Arbeitsweise ist bei allen identisch. Gedanken über die Qualität des Geruchsstoff sollten wir zur Seite schieben. Richten wir unser Augenmerk auf die Schwierigkeiten, denen der Hund bei seiner Suche gegenübersteht.


Den Geruch

unter einer Vielzahl anderer Gerüche

bei Sturm, Regen oder Hitze

mit unterschiedlichsten Ablenkungen

an den unmöglichsten Orten

zu jederzeit zu finden, das sind nur einige Puzzleteile, die der Suchhund bei einer Suchaufgabe zusammensetzt.

Müssten wir diese Aufgabe meistern, würden wir nicht nur dumm aussehen -so auf allen Vieren mit der Nase am Boden - nein, egal wie wir uns auch bemühten wir würden keine Erleuchtung finden, denn wir hätten keine Chance die Suche auch nur im Ansatz zu schaffen.

Gerade aufgrund dieser Unfähigkeit sollten wir die Arbeit unserer Fellnasen wertschätzen. Weil wir uns aber nur bedingt in die Situation hineinfühlen können unterschätzen wir die Leistung unserer Hunde. Statt einer fürstlichen Belohnung gibt es am Ende ein, zwei trockene Leckerchen. Statt einem ausgiebigen Spiel wird einmal kurz auf die Schulter geklopft. Wenn schon aktive Nasenarbeitler der Leistung ihrer Hunde so wenig Wertschätzung entgegen bringen, wie können wir dann erwarten das ein Außenstehender nicht nur müde lächelt wenn er hört das wir ätherische Öle suchen. Konzentrieren wir uns mehr auf das "Wie" statt auf das "Was". Versuchen wir unsere Hunde bewusster wahrzunehmen und anhand ihrer Reaktionen und Handlungen mehr von ihrer interessanten Geruchswelt zu lernen. Vielleicht können wir dann ihre Arbeit angemessener würdigen und Anis ist doch nicht mehr so uncool wie es zuerst scheint. Als kleines Trostpflaster für all jene, die doch lieber einen kleinen Helden zu Hause hätten. Hat der Hund erst einmal verstanden, dass das auffinden eines für ihn unbedeutenden Duftes zu einer grandiosen Belohnung führt, ist er leicht auf weitere Gerüche zu konditionieren. Welcher Duft einem dann vorschwebt überlasse ich der Phantasie jedes Einzelnen. Wer sich die Mühe sparen möchte dem bleibt zumindest die Gewissheit, das auch seine Fellnase es im Notfall könnte.